Falsch kalkuliert

Im Zuge der digitalisierten Welt war es zwangsläufig klar, dass SchülerInnen auch im Unterricht mit modernen Lernmitteln konfrontiert werden und lernen müssen, mit diesen umzugehen. Vor drei Jahren wurde nun der grafikfähige Taschenrechner, kurz GTR, in den Schulalltag eingeführt. Mit diesem sollen SchülerInnen komplexere Aufgaben visualisieren und lösen können.
Der GTR wird nun seit einigen Jahren genutzt - Zeit für ein kleines "Review". Es stellt sich nach diesen drei Jahren nämlich die Frage, ob die Integration des neuen Rechners in die Lehrpläne sinnvoll war und ob die SchülerInnen durch das neue Gerät vorangebracht werden. Weiterhin sollte man darüber sprechen, inwiefern die gewonnenen Erfahrungen für die Zukunft der SchülerInnen relevant sein können. Zu diesem Thema möchten wir als Interessenvertretung der 30000 SchülerInnen im Ennepe-Ruhr-Kreis Stellung beziehen.

Die BSV Ennepe-Ruhr möchte an dieser Stelle unterstreichen, dass eine zukunftsorientierte Gestaltung des Unterrichts auch aus SchülerInnenperspektive absolut sinnvoll ist. Die Vorbereitung auf eine digitalisierte Welt beginnt in der Schule und das unterstützt auch die BezirksschülerInnenvertretung. Natürlich waren wir dem Taschenrechner gegenüber anfangs positiv eingestellt, da dieser uns unter anderem das Zeichnen von Graphen abnehmen und sogar ganze Rechenwege vereinfachen kann. Dementsprechend dachten wir anfangs positiv, jedoch ließen die ersten Probleme nicht lange auf sich warten und spätestens nach den drei Jahren, in denen wir den Rechner nun benutzen, "verfluchen" die SchülerInnen den GTR häufig und wollen lieber wieder zurück zu weniger komplexen Aufgaben ohne GTR. Häufig wird auch der Wunsch nach Computern oder Tablets laut, die die SchülerInnen langfristig voranbringen würden. Smartphones wären auch eine denkbare Alternative, da diese heutzutage zur Grundausstattung gehören.
Direkt zu Beginn der Arbeit mit dem GTR fiel uns Lernenden auf, dass die Bedienung des Taschenrechners etwas ganz Neues mit sich bringt und in nicht wenigen Fällen erzeugte das bei vielen NutzerInnen rauchende Köpfe. Wir hatten uns zunächst damit arrangiert, im Laufe der Zeit wurde die schwierige Bedienung aber mehr und mehr zum Problem. Nicht selten kommt es inzwischen im Unterricht vor, dass eineE SchülerIn gänzlich überfordert ist und die gestellten Aufgaben nicht lösen kann. Das resultiert aber nicht aus mangelndem mathematisch-analytischem Vorstellungsvermögen, sondern aus dem Unwissen heraus, wie man den Taschenrechner zu bedienen hat, damit dieser die richtige Antwort liefert.
Außerdem ist es momentan so, dass an einigen Schulen eine Formelsammlung für jedeN SchülerIn angelegt werden muss, in der er/sie nur festhält, wie er/sie den Taschenrechner zu bedienen hat. Damit erhöht sich auch direkt der Lernstoff, der für das Abitur relevant ist. Dies sorgt zwangsläufig auch dafür, dass der Abiturstress sich weiter erhöht und das Fach Mathematik noch komplizierter wird. Dadurch werden den SchülerInnen notwendige Notenpunkte für einen guten Abschluss geraubt. Dies ist durchaus ein Punkt, der beseitigt werden kann, indem dafür gesorgt wird, dass LehrerInnen die Bedienung vermittelt wird. Um das zu erreichen ist es unserer Meinung nach unerlässlich, dass die Weiterbildung der LehrerInnen in höherem Maße als bisher vorangetrieben wird. Realisierbar wäre dies zum Beispiel in Form von gezielten Fortbildungen, in denen die LehrerInnen sich ausschließlich mit diesem Thema beschäftigen.
Sollten diese Ziele erreicht werden, so gehen wir davon aus, dass sich für uns die Bearbeitung der komplexeren Aufgaben deutlich erleichtert.
Auch eine Veränderung der Aufgabentypen kann man erkennen: Waren die Aufgaben früher noch darauf ausgelegt, dass man mit ihnen den Wissensstand der SchülerInnen abfragen konnte, so geht man inzwischen dazu über, dass es in den Abfragen nur noch zu einem sehr geringen Teil um das mathematisch-analytische Denken geht.
Zusätzlich zu den oben angesprochenen Software-Schwierigkeiten bei der Eingabe entsteht das Problem, dass der Taschenrechner von Seiten der Hardware nicht für den Unterricht ausreicht. Oft passiert es, dass beim Bearbeiten einer Aufgabe eine Zwangspause eingelegt werden muss, da der grafikfähige Taschenrechner zu langsam rechnet und so viel Zeit benötigt wird, um (teils einfache) Aufgaben zu lösen. Dementsprechend kommt es häufig vor, dass unnötig viel Zeit auf Aufgaben verwendet wird, die mit besserer Technik schneller zu lösen wären.

Der wohl entscheidendste Kritikpunkt an dem System ist der hohe Preis, der für viele (zum Kauf verpflichtete) SchülerInnen und damit auch Eltern ein großes Problem darstellt. Mit einem Preis von um die 100€ stellt der Taschenrechner unumstritten eine hohe finanzielle Belastung für viele Haushalte dar. Es ist nicht allen Familien möglich, den Kindern einen in dieser Form finanziell aufwendigen Taschenrechner zur Verfügung zu stellen. Bildung sollte für alle in gleicher Form vorhanden sein und keine Kosten verursachen. Oftmals wird in diesem Kontext von Chancengleichheit gesprochen. Dieses selbst auferlegte Ziel sollte unbedingt eingehalten werden. Die Bildungsungerechtigkeit, die seit Langem in Deutschland herrscht, wird durch die Anschaffung des GTRs also nur gestärkt.

Deshalb fordern wir, dass der Einsatz des Taschenrechners überdacht wird. Wir wollen erreichen, dass jeder Mensch Bildung unkompliziert in Anspruch nehmen kann und dafür kein Geld zu zahlen hat. Wir fordern auch , dass der/die SchülerIn in den Fokus des Bildungssystems gehört und somit technische Hilfsmittel so gewählt werden sollen, dass SchülerInnen in der Schule mehr lernen und damit auch besser auf ihr Leben vorbereitet werden. Um jedoch zunächst das Problem direkt zu bekämpfen ist es unerlässlich, LehrerInnen fortzubilden, sodass sie ihr Wissen an uns SchülerInnen weitergeben können!

Eine Stellungsnahme geschrieben von Moritz Meyerhof

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